(Auszüge aus dem) Präventionskonzept sexualisierte Gewalt

Verankerung der Prävention sexueller Gewalt im schulischen Handlungsrahmen 

Unterrichtsrelevante Erklärungsansätze und Risikofaktoren 

Der Verankerung der Prävention sexueller Gewalt im schulischen Handlungsrahmen liegen folgende Erklärungsansätze zu Grunde: 

Das „Drei-Perspektiven-Modell sexualisierter Gewalt“ nach Brockhaus und Kolshorn 
1. Die Perspektive der Betroffenen 

2. Die Perspektive der Täter/Täter*innen 

3. Die Perspektive des sozialen Umfelds 

„Anhand des „Drei-Perspektiven-Modelles“ wird deutlich, dass verschiedenste Faktoren für das individuelle Handlungsverhalten der Opfer, der Täter und Täter*innen sowie der Gesellschaft verantwortlich sind.“ 

„Letztendlich ist die Ursachenerklärung als komplexes und wechselwirkendes Geflecht zwischen individuellen und strukturellen Kontexten zu verstehen. Besonders die gesellschaftliche Komponente bedarf der gesteigerten Aufmerksamkeit, da die gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen wesentlich dazu beitragen, ob ein sexueller Übergriff legitimiert ist, stattfinden kann, fortlaufend geschieht oder bereits früh erkannt und beendet wird.“ 

Risikofaktoren 

Ein erhöhtes Risiko Opfer sexualisierter Gewalt zu werden weisen Kinder auf,  

  • die direkt oder indirekt psychischer oder physischer Gewalt ausgesetzt sind oder waren (gewaltvolles Umfeld, Mehrfachdiskriminierung und Intersektionalität) 
  • die emotional oder materiell vernachlässigt sind oder waren (deprivierendes Umfeld) 
  • deren Meinung wenig oder gar nicht erfragt wird (autoritäres Umfeld) 
  • die kaum oder gar kein altersangemessenes Wissen um Sexualität und ihre Geschlechtsteile haben (sexualtabuisierendes/sexualfeindliches Umfeld) 
  • die sehr starren Geschlechterstereotypen unterworfen sind (gendergenerierendes Umfeld) 
     

Nicht nur die benannten Risikofaktoren machen es wahrscheinlicher, dass Kinder sexualisierte Gewalt erfahren, sondern auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen: 

  • Kinder mit Flucht- und Migrationshintergrund 
  • Kinder mit LSBTIQ*-Hintergründen und sich entwickelnden /gelebten Identitäten 

           (Kinder aus LGBTIQ*-Familien; Kinder mit vermuteten und/oder sich entwickelnden/gelebten LGBTIQ*-Identitäten) 

  • Kinder mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen 

Auch die Bedeutung digitaler Medien im kindlichen Lebenslauf beinhaltet einige Risikofaktoren für die Entstehung/das Erleben sexueller Gewalt durch: 

  • Cybergrooming/sexuelle online Annäherungen: 
  • Sharegewalt- Geteilte Gewalt ist potenzierte Gewalt 
  • Die Verbreitung von Abbildungen sexualisierter Gewalt 

Unterrichtsrelevante Inhalte 

Aus diesen Faktoren ergeben sich eine Vielzahl von Möglichkeiten der pädagogischen Prävention. 
A. Prävention als Erziehungshaltung, geprägt durch sechs Präventionsthemen: 

  1. Dein Körper gehört dir! 
  2. Vertraue deinem Gefühl 
  3. Kinder haben das Recht NEIN zu sagen 
  4. Unterscheide gute und schlechte Geheimnisse 
  5. Kinder haben ein Recht auf Hilfe 
  6. Kinder haben niemals Schuld 

B. Sexualerziehung in der Schule: 

     Folgende Punkte sollten in der Sexualerziehung bedacht und behandelt werden 

  1. Fortpflanzung 
  2. Sprache 
  3. Sexualität im Kontext sozialer Beziehungen 
  4. Kindliche Sexualität 
  5. Masturbation 
  6. Freiwilligkeit 

Strohhalm e.V., Auf dem Weg zur Prävention, 2020, 18 ff  

Diese Vielfalt der Präventionsthemen und die Komplexität der sexuellen Gewalt sowie ihrer Risikofaktoren verdeutlicht, dass die Prävention sexueller Gewalt nicht an bestimmte Unterrichtsfächer gebunden sein kann, sondern sich kontinuierlich und umfassend über alle Jahrgänge und viele Unterrichtsfächer erstrecken muss. Sie ist verankert in einem in der Schule gelebten Erziehungskonzept.   

Dennoch stehen einige der Unterrichtsfächer bei der Behandlung einzelner Themen im Vordergrund. Zu nennen sind hier: 

  • Biologie 
  • Gesellschaftslehre 
  • Soziales Lernen/Religion 
  • Deutsch 
  • Medienerziehung 
     

Fächerübergreifende Grundlagen der Prävention von sexueller Gewalt 

Grundlage allen pädagogischen Handelns zur Vermeidung von sexueller und auch aller weiteren Formen der Gewalt ist eine in allen Klassen aller Jahrgänge herrschende Kultur des Miteinanders, die die Schule zu einem verlässlichen, schützenden und stärkenden Ort macht. Schule als „sicherer Ort“ für alle am Schulleben beteiligten Kinder, Jugendliche und Erwachsene. 
Diese stärkende Kultur des Miteinanders kann durch folgende Grundsätze erzielt werden: 

  • Schüler stark machen durch Erlernen und Erleben demokratischer und mitbestimmender Strukturen im Schulalltag (Partiziption) z.B. durch 

– Mitgestaltung durch Schüler  

– Mitmachaktionen 

– Mitreden 

Mitbestimmung unterstützt die Schüler*innen auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung. Selbstbestimmung wird hier nicht isoliert, individuell, egoistisch verstanden, sondern sie entsteht im sozialen, gesellschaftlichen Zusammenhang. Selbstbestimmung verdankt sich immer der sozialen Eingebundenheit und Anerkennung. 

  • Klares und für jeden transparentes gemeinsam erstelltes Regelwerk mit Einbezug der Eltern von Anfang an sowie gemeinsam erstellte Konsequenzen beim Verletzen des Regelwerks, wobei der Schwerpunkt auf dem Positiven liegen soll, dem Einhalten des Regelwerks und  dem positiven Verhalten der 

       – Schulregeln / Schulordnung 

       – Klassenregeln, Klassenrituale 

Besonders die neu entwickelten Erziehungsvereinbarungen und das überarbeitet Konzept zum sozialen Lernen tragen dieser Haltung und der Problematik Rechnung, indem in allen schulischen Bereichen eine demokratische und wertschätzende pädagogische Grundeinstellung verankert ist.

  • Wertschätzungs-Kultur“ als demokratischer Grundstein 

Das Thema „Gefühle“ als ein sehr wichtiges Thema zur Wertschätzung des/der einzelnen Schülers/Schülerin steht von Beginn an im Mittelpunkt. Jedes Kind soll sich wertgeschätzt und ernstgenommen und willkommen fühlen. So wie es ist, ist es gut. Das Miteinander soll immer gefördert werden im Besonderen um Diskriminierung und Ausgrenzung zu verhindern und den Zusammenhalt zu stärken, den gegenseitigen Respekt und den demokratischen Umgang miteinander. Die Schüler*innen sollen sich untereinander kennenlernen, respektieren und wertschätzen und die jeweils gleiche oder andere Kultur, Sprache, Hautfarbe, Religion, geschlechtliche Orientierung oder die jeweils anderen Spiele, Länder, Gewohnheiten, Rituale, etc. . Die Vielfalt bereichert die Gruppe und das sollen die Schüler*innen erfahren und auch dadurch Vorurteile, Ausgrenzungen, Mobbing, Gewalt jeglicher Art …verhindern lernen. Je besser die Schüler*innen sich gegenseitig kennen und einschätzen können, desto harmonischer läuft das Zusammenleben ab. 

Die Schüler*innen selbst sollen als Mensch, als Kind, als Schüler*in ernstgenommen werden und ihre/seine Gefühle und Meinungen preisgeben dürfen. Der/die Schüler*in erfährt demokratische Verhaltensstrukturen für ein friedliches Zusammenleben mit allem, was dazu gehört, wie z.B. andere Meinungen friedlich vertreten, diskutieren und ganz basal friedlich und ohne Gewalt miteinander reden. Diese Gesprächskultur müssen die Schüler*innen erstmal erlernen in den verschiedensten Situationen. 

  • Gesprächs-Kultur“, „Kommunikations-Struktur“, „Streit-Kultur 

Eine sprachlich angemessene und wertschätzende Gesprächskultur schafft Raum für Schüler*innen, sich zu öffnen bzw. anzuvertrauen. Nur in einer angst- und gewaltfreien Kommunikation, in der sich beide Seiten respektvoll und aufmerksam einander zuwenden, können belastende Situationen angesprochen werden.   

Partizipation

Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung der Prävention sexueller Gewalt ist ein umfassendes Wissen aller an diesem Prozess beteiligten Lehrkräfte sowie die enge Kooperation mit externen Angeboten von Beratungsstellen, die regelmäßig an der Sertürnerschule genutzt werden. Hierzu kann der Anhang (Punkt 8 Externe Hilfsangebote) genutzt werden, da die genannten Beratungsstellen vielfältige Angebote bereithalten, die auch im schulischen Kontext genutzt werden können.

Diese Angebote werden bereits von den Kolleginnen und Kollegen regelmäßig in die unterrichtliche Arbeit eingebaut.

Prävention konkret

  • Unsere Prävention bietet beiden Seiten Schutz: Schülerinnen und Schülern vor (sexueller) Gewalt und den Lehrkräften vor unbegründetem Verdacht
  • Unsere Prävention verfolgt zwei Ziele:
    • Schutz der Kinder durch eine präventive Erziehungshaltung im (Schul-)Alltag:
      • Respektvoller, grenzwahrender und selbstwertstärkender Umgang
      • Fehlerfreundlichkeit im (Schul-)Alltag
      • Transparente Ansprechstellen bieten und somit Vertrauen schaffen (Vertrauenslehrerinnen und Vertrauenslehrer, Sozialarbeiterin und Schulsozialarbeiter, Streitschlichtung, Klassenrat…)
      • Unterrichtseinheiten und Projekte zu den Themen „Kinderrechte“, „Trau dich“, „Sicherheit im Internet“, „Mein Körper gehört mir“
      • Projekttage „Stark im Miteinander“
    • Schutz durch Wissen und Aufklärung:
      • Wissen und positives Sprechen über sexuelle Themen wirken protektiv
      • à Kinder lernen Verhalten richtig einzuschätzen und bekommen Hilfe- sowie Beratungsmöglichkeiten mit an die Hand

Intervention

  • Ein Übergriff wird vermutet:
    • Ruhe bewahren
    • Dokumentationsbogen nutzen
    • Rücksprache mit weiteren Ansprechpersonen
    • Fachberatungsstelle kontaktieren
    • Betroffene Person nicht gezielt befragen
    • Kontrollmöglichkeiten schaffen
  • Ein Übergriff wird an eine Vertrauensperson herangetragen:
    • Zuhören, ernst nehmen, Ruhe bewahren
    • Dokumentationsbogen nutzen
    • Fachberatungsstelle kontaktieren
    • Schutz der/des Betroffenen sicherstellen; mit dieser Person absprechen
  • Ein Übergriff wird beobachtet:
    • Direkt eingreifen und den Übergriff ruhig und bestimmt beenden
    • Ggf. Beweismittel sicherstellen
    • Erst dem betroffenen Kind/Jugendlichen zuwenden, dann erst der übergriffigen Person
    • Dokumentationsbogen nutzen
    • Fachberatungsstelle kontaktieren (siehe Anhang)
    • Krisenteam bilden: Schutz sicherstellen und weiteres Vorgehen klären

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